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Stationsbericht Fridolin Fröhlich April 2017

Die Schönheiten eines Landes haben gelegentlich einen kleinen Haken: Sie liegen dort, wo sonst nichts ist, wo es kaum Touristen, kaum Menschen und kaum Verkehr gibt. Es sind die abgelegenen Orte, die man, wenn überhaupt, nur schwer erreicht. Genau aus diesem Grund besitzen sie eine außergewöhnliche Ausstrahlung. Sie vermitteln das Gefühl ihre Schönheit mit niemanden teilen zu müssen. Genau zu diesen Orten gehört das Dörfchen Rurrenabaque, das Tor zum Dschungel. Zum Madidi-Nationalpark und Pijon-Laras Schutzreservat. Dem artenreichsten & vielfältigsten Gebiet der gesamten Erde. Etwa so groß wie gesamt Sachsen.

In La Paz angekommen, geraten wir direkt in den Karnevalsstress der Stadt. Alle Hauptstraßen sind komplett abgesperrt und mit unzähligen Menschen gefüllt, die den Umzügen & Paraden der Bolivianer folgen. Mal sind es einstudierte Tanzchoreografien in ansehnlichen Kostümen, mal die kürzesten Röcke der hübschen Damen, die sich zum Takt der selbst gemachten Musik bewegen und ab und zu auch einfach völlig bezechte Steifis mit abgespaceten Gesichtsmasken & wenig Rhythmusgefühl. Während wir das farbenfrohe Treiben beobachten, fällt immer wieder auf, dass man sich um wirklich nichts kümmern muss, falls man etwas daheim vergessen hat. Mit Beginn des Nieselregens kommen Regenschirm- und Ponchoverkäufer. Auch für Essen und Trinken ist rund um die Uhr gesorgt. Popcorn zum Naschen, springende Bierverkäufer oder der Lieferservice von Burger King, der aus den karierten Tschechentüten versucht Big Kings an den Mann zu bringen. Genial! Da keine Collectivos fahren & kaum Taxis zu finden sind, kommen wir nicht dazu ein Ticket Richtung Rurrenabaque zu kaufen. So stürzen wir uns ebenfalls in das Getümmel der Menschenmassen. Wasserbomben gefüllt mit den wahrscheinlich ekelhaftesten Flüssigkeiten müssen wir ausweichen, genau wie dem allseits beliebten Seifenschaumspray. Uns reicht’s! Uns bleibt keine andere Wahl, als uns ebenfalls mit jeglichen Faschingsutensilien einzudecken. An jeder Ecke gibt es Böller, besagtes Spray und auch Masken, die von Superhelden bis zu aufwendig gefertigten Tierköpfen reichen. Wir sind nun mittendrin in dem aus allen Nähten platzenden Zentrum & lassen es ordentlich krachen. Nicht mal die Polizei kommt ungeschoren davon. Alle: Kinder, Jugendliche und auch teilweise Omis verlieren heute jede Hemmung und stürzen sich in die Seifenschaumspray- Schlacht. Am nächsten Tag wollen wir endlich weiter nach Rurre ziehen. Was wir erst am Busterminal erfahren ist, dass für alle großen Busse heute Fahrverbot herrscht, zur Vorbeugung von alkoholisch bedingten Fahrunfällen. UNGELOGEN! Wie wir in den nächsten Tagen erfahren ist das Ganze auch noch wirklich berechtigt. Was erstmal komisch klingt, ist aber leider die Wahrheit. Knapp 50 Tote und 300 Verletzte in Folge des Karnevals... Bolivien, du bist besonders & einzigartig, aber nicht immer einfach.

Die teurere, aber mit Sicherheit gefahrenlosere Variante um heute noch unversehrt los zu kommen, ist ein Sammeltaxi, was erst dann startet, wenn es vollbesetzt ist. Nicht mal 15 Minuten später startet der Motor. Vom kalten Altiplano, aus über 4600 Metern Höhe machen wir uns auf zu den heißen & feuchten Wäldern des Amazonasbeckens. Auf der einspurigen, morastigen & matschigen Todesstraße kommt es aufgrund von Erdrutschen und Steinschlägen immer wieder zu Unfällen mit tödlichem Ausgang. Etwa 22.000 Menschen haben seit jeher auf dieser Strecke ihr Leben verloren. Seit wenigen Jahren gibt es erst eine Umgehungsstraße zur Calle de Muerte, der gefährlichsten Straße der Welt. Zum Glück für uns. Das Resultat ist aber eine nur teilweise geteerte Straße, kaum bis keine Leitplanken, und oft nur einspurige Passagen direkt am Abgrund gelegen durch jegliche Klimazonen Südamerikas. Regen und Nebel sind ständige Begleiter, die besonders auf dem ersten Stück zu mehreren Herzattacken meinerseits führen. Die Entscheidung mich als Beifahrer aus Platzgründen auszuprobieren, entpuppt sich als absolute Fehlentscheidung. Der Nebel, die Kurzsichtigkeit des Fahrers und die fehlende Antizipation beim Überholen in Kurven treiben meinen Puls unablässig in die Höhe. Wie soll ein Mensch, dass nur 15 Stunden ertragen? Ich grüble derweil nochmal über das Beten des Fahrers vor Fahrtantritt nach. Sollte mir das nicht eigentlich ein gutes Gefühl geben oder verunsichert es mich jetzt? In dem Moment, aus meinen Gedanken gerissen, kommt uns ein Geisterfahrer entgegen, der kurz eingeschlafen ist & gerade noch vor uns rüber ziehen kann. Das kann man sich nicht ausdenken! Ich bin völlig fertig. Beim nächsten Überholmanöver müssen wir voll auf die Eisen gehen. Ich weiß nicht wieso man das versuchen muss, wenn man nicht mal seine eigene Hand vor Augen sehen kann, bei all dem Nebel. Mit jedem Meter raus aus der Höhe wird die Sicht klarer, was nur bedingt Platz zum Durchatmen schafft. Mit Ende des Asphalts wird zwar die Geschwindigkeit reduziert, aber ab hier lässt sich auch ein Hauch von Todesstraße erahnen. Es sind nicht nur Schlaglöcher oder die meterhohen Schlammschichten die zu umfahren sind, es ist einfach der Fakt, dass es unmittelbar neben uns mehrere hundert Meter in den Abgrund geht. Tonnenschwere LKWs und hupende Kleintransporter können nur mit Millimeterarbeit aneinander vorbei. Nach jeder Kurve eröffnet sich ein neuer, atemberaubender Blick auf den Bergurwald der Yungas und die abschüssige Schlucht, an deren Rand wir entlanggleiten. Hohes Gras ersetzt die Leitplanken. Dank unserem verrückten Chauffeur, der wohl mal Rennfahrer werden wollte, erreichen wir nach 10 Stunden Rekordzeit, verschwitzt aber erleichtert, endlich Rurrenabaque.

Hier wurde 2005 das Projekt Regenzeit von Ikea und Torsten ins Leben gerufen. Neben der medizinischen Hilfe für die Urwalddörfer am Rio Quickibey, umfasst die Entwicklungshilfe auch die Widerauswilderung von in Gefangenschaft geratenen Tieren. Was sich für viele wie ein Streichelzoo anhört, ist viel mehr als nur Tiere streicheln & füttern. Häufig beginnt der oft nervenaufreibende Pfad schon mit den kleinsten & in Deutschland unvorstellbarsten Problemen.
Nach etwa 20 Minuten Fahrzeit von Rurre aus, erreichen wir den ersten Abzweig zum Refugio, der seit neuestem mit einem unpassierbaren Tor verschlossen ist. Ziel dahinter ist den immer wiederkehrenden Diebstahl von Obstfrüchten oder Arbeitsmaterialen zu verhindern. Vor wenigen Jahren kam es sogar so weit, dass irgendwelche Idioten, mit dem IQ von dem was manche morgens ins Waschbecken spucken, den Käfig der Jaguare aufschnitten. Für die aufopferungsvolle Arbeit die Wildtiere zurück an die Natur zu gewöhnen, ein absoluter Faustschlag ins Gesicht! Missgunst und Neid waren wohl die Gründe dieser abscheulichen Aktion. Aber gerade an diesem Beispiel zeigt sich die Unaufgeklärtheit und das Unbewusstsein der Einheimischen, die teilweise nicht im geringsten nachvollziehen können, dass die gesamte Tierstation mit Herzblut errichtet wurde um den umliegenden Naturschatz mit all seinen Facetten zu schützen und nicht im Sinne des Kapitalismus, auszubeuten. Einer der beiden Jaguare musste sogar geschossen werden, um eine Gefährdung für die umliegenden Comunidades auszuschließen. Man kann sich nur schwer vorstellen, was das für ein innerer Kampf gewesen muss, nachdem man sie mit eigenen Händen aufgezogen hat...

Im letzten Jahr konnten wir gemeinsam, mit der tatkräftigen Unterstützung von unseren deutschen Freunden: Frida, Rolf und Otto das dadurch unbenutzte, in die Jahre gekommene & völlig zugewachsene Jaguargehege zurück bauen und einzelne Teile des Maschendrahtes für ein neu entstehendes Quarantänegehege wiederverwenden. Ständiger Begleiter dieser schweißtreiben Tortur sind 95% Luftfeuchtigkeit, 35 Grad Celsius & auch die kleinen Biester, namens Insekten, versuchen alles damit man sie wahrnimmt. Blattschneideameisen, die einem zu tausenden über den Weg laufen und es so aussieht, als wären kleine Blätter zum Leben erweckt. Moskitos, die versuchen mit aller Kraft einem Blut aus dem Körper zu saugen und dabei Denguefieber, Chingunguna und Malaria übertragen können. 24-Stunden Ameisen, die ihren Namen der Zeit des Schmerzes verdanken und Schweißbienen, die jede freie Stelle am Körper nutzen um zu diesen von dir zu schlecken. An dieser Stelle seien nur einige genannt. Deswegen auch oberste Priorität: Lange Sachen. Immer. Lieber schwitzen, als zerstochen werden!

Blöd nur, dass unser einziger Schlüssel hinter verschlossenen Türen bei dem Stationsarbeiter Picci liegt. Der andere ist für hier rurrenabaquische Verhältnisse zu kompliziert zum Nachmachen, weshalb der Schlüssel in la Paz kopiert werden muss. Zum Glück müssen wir nicht mal 5 Minuten am Tor warten bis uns ein anderer Arbeiter öffnet. Obwohl er nicht mal eine Uhr hat, sollen wir einfach immer zur selben Zeit (wie jetzt im Moment) da sein, damit wir gemeinsam eintreten können. Da unser Moped einen Platten hat & das Quad mehr in der Werkstatt als auf den Straßen unterwegs ist, bleibt uns keine andere Wahl als die 45 Minuten samt Rucksack zum Refugio zu laufen. Wir passieren Bauern die den Boden für landschaftliche & forstwirtschaftliche Zwecke nutzen. Abgebrannte Baumstumpfe, abgeholzter Regenwald & weite Reisfelder lassen einem das Herz bluten. Mit jedem Schritt den wir der Estacion Biologica nähertreten, verdichtet sich der Urwald mehr & der Weg wird von einer Pflanzenwelt gesäumt, die seines gleichen sucht. Riesige Baumkronen bedecken sämtliches Leben, so dass kaum ein Sonnenstrahl bis zur Erde gelangt. Erste Tierspuren lassen nur erahnen was sich im undurchdringlichen Grün versteckt und auch die Geräuschkulisse wird zunehmend stärker. Der Senisero (eine Vogelart) grüßt seine Gäste mit lautem Pfeifen, während schon das erste Brüllen der Affen durch den umliegenden Primärurwald schallt. Nach dem anstrengenden Fußmarsch erreichen wir schweißgebadet und mit Millionen Moskitos im Gepäck, den Eingang der Estacion Biologica. Sonnenstrahlen lassen die unendlichen Obstbäume, zwischen den aus Holz selbstgefertigten Häusern, erleuchten. Es ist wie eine kleine Oase, die man nach etlichen Tagen in der Wildnis endlich erreicht. Paradiesisch. Trinkwasser kommt aus einem eigens errichteten Brunnen, der nötigste Strom für Licht in allen Zimmern aus Solarpanels & jegliches Obst muss einfach nur gepflückt werden. Von Bananen, Mandarinen, Zitronen über Sternfrüchte, Grapefruits & Ananas bis hin zu Zuckerrohr & meinem Favoriten der Copo Azu, kann man alles schmecken, testen, und dem Gaumen eine abwechslungsreiche Freude bereiten. Selbst Kakaofrüchte wachsen hier zu genüge. Kaum vorstellbar, dass hier mal nichts als Urwald war & alles mit einer Idee und dem ersten Schlag einer Machete begann. Die Obsterträge dienen aber nicht nur der Selbstverpflegung, sondern einmal die Woche werden die köstlichen Früchte ins Dorf transportiert, wo sie zum leckersten Saft´ Rurre´s im persönlichen Café de la Jungla gepresst und gemixt werden. Mit dem durchdachten Konzept hat man von der Anpflanzung bis zum Endprodukt Arbeitsplätze geschaffen und Verwendung für die eigene Ernte.

Einer der wichtigsten Bestandteile des Refugios, da er 6 Tage die Woche, Tag & Nacht die Station hütet & das ganz allein, ist Picci. Er kümmert sich nicht nur um Widerauswilderung der Tiere, sondern auch um die Instandhaltung oder Verbesserungsarbeiten der gesamten Tierstation. Mit ihm leben drei permanente Begleiter auf Station, die einem das Leben oftmals verdammt mühselig machen. Christa, Floh & Brieh. Ihrerseits Schwarzgesichtsklammeraffen, die aufgrund der fehlenden Distanz zu ihrer Art zwar ausgewildert sind, aber dennoch keinen Anschluss an eine Gruppe finden können. Auch wenn sie wunderbare Spielkameraden & kuschlige Anhängsel zugleich sind, veranstalten sie im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder ein Affentheater. Lässt man einmal etwas unbewacht liegen, sind sie sofort zur Stelle & machen weder halt vor Zigaretten noch vor Coca-Blättern. Durch ihr ständiges Bedürfnis in Häuser einzudringen musste schon vieles doppelt und dreifach erneuert werden. Seien es Dächer, Moskitonetze oder Stromleitungen.

Leider ist es fast immer der Fall, dass die konfiszierten Wildtiere, die auf Station kommen, völlig verstört oder nahe dem Tod sind. Meist sind es rückständige Einheimische, die junge Wildtiere falscherweise als Haustiere halten, bis diese auswachsen und ihre ursprünglichen Instinkte entwickeln. Bei desolatem Gesundheitszustand und kaum ausreichender Nahrungsversorgung werden sie angebunden oder in Käfige gesperrt um eine Gefahr für die eigene Familie abzuwenden. Aber auch der Verkauf zu hohen Preisen von der lebenden „Ware“ verlockt die regionalen Bewohner zur Haltung von Wildtieren. Aber dank der immer besser werdenden Zusammenarbeit mit der Nationalparkbehörde, konnten zunehmend mehr Wildtiere beschlagnahmt & mit Hilfe des Refugios ausgewildert werden.

Neben der Auswilderung hat auch die Umweltbildung einen großen Stellenwert. So gibt es verschieden angelegte Pfade rund um die Station, die das Umweltbewusstsein stärken & vor allem Wissen über den magischen Regenwald und dessen Pflanzen- und Baumvielfalt vermitteln sollen. So wohl 300 Jahre alte Cachichera-Baumriesen mit kolossalen Brettwurzeln so groß wie Kleinwagen, als auch Pflanzen mit medizinischen Nutzen gegen Krebs, Durchfall, Nierensteine und Schlangenbisse, lassen sich auf den Interpretationswegen bewundern. Selbst kurioses wird uns gelehrt. Bäume als (noch heute teilweise angewendete) Foltermethode und Giftlieferant mit gigantischen Lianen, die gerne den Weg blockieren. Aber auch wunderbares Kunsthandwerk lässt sich aus vielen Palmenfrüchten oder Blättern herstellen, wie uns Picci stolz präsentiert. Für ein ungeschultes Auge ist es ein schwieriges Unterfangen auf den Wegen Tiere zu Gesicht zu bekommen, bei dem umliegenden und nicht endenden Grün des Urwalds. Wortwörtlich sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und wenn es mal wieder aus Eimern schüttet, verarbeiten wir mit unseren eigenen Händen, Schleifpapier und Asche, Holz zu Schmuck.

Ansonsten gibt es immer was zu tun, egal bei welchem Wetter oder welcher Tageszeit. Einsatzbereite & fleißige Volontäre oder Biologen sind gern Willkommen um nicht nur Bauarbeiten zu unterstützen, sondern auch um beispielsweise Forschungen & Studien zu betreiben, die die Ideen der Estacion Biologica nach außen publizieren. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Aber in den staubigen Straßen Rurrenabaques verläuft das Leben eben oft langsam. Es gibt viel Zeit & niemand ist im Stress, weshalb es manchmal schon bei kleinsten Problemen mit Arbeitsmaterialen Engpässe geben kann. Wenn man bei uns in den Baumarkt geht, bekommt man alles, deshalb ist in Bolivien viel Improvisationstalent von Nöten um nicht alles zu Deutsch zu sehen. Wer hat bitte schon mak in einer Schubkarre Zement mit Sand, Wasser und Schaufel angemischt? Arbeitsschutzmaßnahmen – unvorstellbar. Aber selbst die 50kg Zementmischung muss den Weg zu Fuß erstmal Richtung Station finden. Was jetzt nicht unbedingt die leichteste Herausforderung ist…

Egal wie hart auch die Schufterei ist, zum Arbeitsalltag in Bolivien gehören Coca-Blätter, deren Genuss belebend, antreibend wirkt & Hunger als auch Müdigkeit unterdrückt. Seit Jahrhunderten schwören die Menschen Südamerikas auf diese faszinierenden Eigenschaften. Dabei stopft man sich eine Golfballgroße Menge in die Wange und zieht die Flüssigkeit aus den Blättern, bis der Mundraum langsam taub wird. Auch darf man den sozialen Aspekt des Coca-Kauens nicht außer Acht lassen. Während man sich bei uns zum Kaffee verabredet, kaut man hier Coca um zu plaudern oder Abmachungen dingfest zu machen. Auf keinen Fall darf man die Blätter mit Kokain verwechseln oder gleichsetzen! Die synthetische Droge basiert zwar auf der Grundlage der Coca-Blätter, aber um 1g Kokain herzustellen, benötigt man 1000 kg der puren Pflanze... Sitzt die Bolobacke, kann einem die zermürbende Arbeit, die enorme Temperatur & die fiesen Insekten kaum mehr was anhaben. Mit der Machete Wege frei hacken, die Station in Schuss halten, Früchte aufsammeln oder die Bananenstauten von gammligen Blättern zu befreien, sind alles immer wieder kehrende Aufgaben, die kaum ein Ende nehmen. Im Anschluss wird am offenen Feuer gekocht, wofür man vorher erst Holz hacken muss, bevor man gemeinsam anfängt zu schnippeln. An den Fenstern observieren uns die Affen, die nur auf eine Gelegenheit warten um etwas Essbares zu stibitzen. Reis und Mayonnaise sind hier Standardlebensmittel, egal ob zum Abendessen oder Frühstück. Gleicht die Küche keinem Chaos mehr, gibt´s die wohlverdiente Abkühlung im Bad. Ein Eimer mit kaltem Regenwasser kann so erfrischend und schön sein. Am Abend klingt die Temperatur stetig ab & man schwitzt nur noch ein bisschen, so dass das Hemd nicht mehr ganz am Rücken festklebt. Im Casa de interpretacion lässt man den Tag in der gemütlichen Hängematte Revue passieren. Bei Coca, sowie 96%igen Alkohol für Pachamama und selbstgepressten Limetten Refresco kommen die schauderhaftesten, angsteinflössensden Geschichten über die Tierstation ans Tageslicht. Frische Jaguarspuren größer als Feuerzeuge, giftige Buschmeister, nässelnde Taranteln oder in Pfützen versteckte Kaimane. Der fast volle Mond und die Millionensterne am Himmel machen eine Taschenlampe fast unnötig. Bei allem was hier so kreucht und fleucht hat man trotzdem die grausamsten Fantasien, weshalb jeder Toilettengang bis zum Ende rausgezögert wird ehe man sich der „Angst“ stellt. Wenn man dann am Wochenende, zwar von Moskitos völlig zerstochen, zurück in die Zivilisation von Rurrenabaque kehrt merkt man wie selbstverständlich die meisten Dinge für uns sind. Fließendes Wasser zum Duschen, Steckdosen, einen Kühlschrank, einen Herd, Internet. Die normalsten Sachen der Welt sind auf einmal eine großartige Bereicherung, aber man weiß sie einfach zum erstmal so richtig zu schätzen. Ich bin sehr dankbar an alle, die mir die Möglichkeit gegeben haben auf dem Stationsgelände mit zu wirken und vor allem um auch hinter die Kulissen zu blicken. Das Geld für das Projekt zu sammeln ist die eine Sache, aber dies sinnvoll, mit bedacht & umsichtig in die richtigen Dinge zu investieren, die in meinen Augen schwierigere Angelegenheit. Von Deutschland aus lässt es sich leicht reden. Geld ist zwar die wesentliche Grundlage ohne die das Hilfsprojekt nicht funktionieren würde, aber ohne vertrauenswürdige Personen und ohne Leute die VORORT SELBST einsatzkräftig dabei sind, ist es selbst mit der größten Menge an Knete kaum zu bewerkstelligen. Ich glaube erst, wenn man am eigenen Leib die Erfahrung machen durfte, kann man einen winzig kleinen Bruchteil nachvollziehen, dass Hilfe leisten schwerer ist, als man sich nur ansatzweise vorstellen kann. Mit Cachi, der sich auch während der Abwesenheit von Ikea & Torsten um die organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten der Estacion Biologica kümmert, haben die beiden einen absoluten Glücksgriff gelandet. So bleibt die Station auch ohne sie am Leben & entwickelt sich Schritt für Schritt vorwärts! Aber alle Unannehmlichkeiten machen einem nur unermüdlicher, weiser und geduldiger. Man kann nur den Hut ziehen und den größten Respekt zollen vor dem was die beiden hier geschaffen haben.
Kommt her, lernt, seid kreativ und helft die Welt ein kleines Stück besser zu machen…

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